Idaplatz: Aufwertung mit Tücken
Spätestens wenn am Sonntagmorgen Dutzende von Kinderwagen und Singlespeed-Bikes wieder einmal das Trottoir blockieren, fragt man sich: Ist die Aufwertung des Idaplatz zu weit gegangen? Eine kleine Polemik.
Am Sonntagmorgen gibt es auf dem Trottoir vor «Chez Babette» vor lauter Kinderwagen und hippen Singlespeed-Bikes wieder einmal kein Durchkommen. Am Idaplatz öffnet die dritte Sport-/argentinische Trend-/Brooklyn-Bier-Bar ihre Tore. Ein Haus nach dem anderen wird saniert und für den doppelten Preis weitervermietet. Die Meinungen zu dieser Entwicklung sind geteilt: Während die einen vom «Prenzlauer Berg von Zürich» träumen, fühlen sich viele Alteingesessene zunehmend an den Rand gedrängt.
Vorabendliche Sommerstimmung auf dem Idaplatz (Foto Pete Mijnssen).
Nun ist eine Belebung des Quartiers grundsätzlich natürlich zu begrüssen. Der alten Calvados-Bar mit ihrem Humpa-Humpa-Sound und der Alkohol-Abfüllstelle Poli-Bar trauern wirklich nur hartgesottene Nostalgiker nach. Die Stimmung am Idaplatz ist auch zumeist angenehm. Sogar als während der Weltmeisterschaft Abend für Abend grosse Mengen von Menschen im Freien Fussball schauten, kam kaum je trunkene Fanzone-Atmosphäre auf. Dies bestätigt auch der Mediensprecher der Stadtpolizei, René Ruf: Man habe zwar einige Lärmklagen mehr als normal gehabt, aber keine dramatische Zunahme. Das Publikum am Idaplatz besteht eben nicht aus schreienden Jugendlichen. Das Publikum am Idaplatz trinkt gesittet seinen Gschprützten, sein Bier aus der Mikro-Brauerei oder seinen Latte Macchiato.
Unangenehme Folgen hat die «Hipsterisierung» dennoch. Verdrängungseffekte sind nicht nur auf dem Wohnungsmarkt festzustellen. Die Jugendlichen, die den Idaplatz vor dem Umbau im Jahr 2003 abends jeweils in Beschlag nahmen, weichen vermehrt auf die Aemtlerwiese aus und feiern dort, was zeitweise zu einer erheblichen Lärmbelastung führt. Soziale Probleme verlagern sich und machen Aemtler- und Fritschiwiese zu Brennpunkten der polizeilichen Aktivität im Quartier. Dafür trägt der Idaplatz natürlich nicht die alleinige Schuld, verstärkt aber wohl vorhandene Tendenzen.
Ebenfalls problematisch ist der Umgang mit dem öffentlichen Raum auf dem Idaplatz. Vor allem im Sommer steigern die Restaurants ihren Umsatz kräftig mit einer scheinbar ungebremst in den Platz hineinwachsenden Zahl von Tischen und Stühlen. Diese stehen auf öffentlichem Grund, weshalb sie bewilligungspflichtig sind. René Ruf erklärt, seit 2009 müsse für eine solche Ausweitung der Restaurantfläche ein Baugesuch eingegeben werden, das wiederum angefochten werden kann. Mindestabstände müssen dabei eingehalten und die Notwendigkeit für einen Ausbau aufgezeigt werden.
Am Idaplatz ist diese Notwendigkeit offenbar erwiesen. Wer wollte sie auch bestreiten? Die Kundschaft wächst und macht keine Probleme. Was will man mehr? Eine Schlussfrage stellt sich dennoch: Verliert der Idaplatz in dieser Welle von Konsum und weltweit immer ähnlicher auftretenden Hipster-Kultur nicht seinen quartiereigenen Charme?
Text: Ivo Mijnssen