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Auf dem Weg zum Netto-Null-Quartier

Zürich ist auf dem Weg zur Klimaneutralität. In Wiedikon will die Stadt demnächst ein ambitioniertes Projekt starten, das den Weg zu Netto-Null ebenen soll. Dafür ist das Mitwirken des Quartiers gefragt.


Fabian Baumann

Die Stadt Zürich muss umweltfreundlicher werden. An der Volksabstimmung vom Mai 2022 sagten Dreiviertel der Stimmberechtigten Ja zum «Klimaschutzziel Netto-Null 2040». Die grösste Schweizer Stadt hat damit den klaren politischen Auftrag, ihre direkten Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2040 auf Netto-Null zu reduzieren. Die Stadtverwaltung soll dabei mit gutem Beispiel vorangehen und das Ziel bereits fünf Jahre früher erreichen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass mit «Netto-Null» nicht das vollständige Vermeiden jeglichen Treibhausgasausstosses gemeint ist. Das Ziel ist, dass weltweit nicht mehr Treibhausgase ausgestossen werden als der Atmosphäre mit natürlichen oder technischen Mitteln wieder entzogen werden können. Für die Limmatstadt bedeutet Netto-Null damit: In der Gesamtbilanz dürfen im Jahr 2040 keine Treibhausgasemissionen entstehen.

Erste Zwischenbilanz

Im November 2023 hat die Stadt einen ersten Zwischenbericht veröffentlicht. Er soll aufzeigen, wo Zürich steht und auf welche Bereiche die Stadt aktiv Einfluss nehmen kann, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Gemäss Zwischenbericht beläuft sich der ökologische Fussabdruck pro Einwohnerin oder Einwohner der Stadt Zürich im Jahr 2022 auf rund 2,4 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Damit ist der Fussabdruck gegenüber dem Jahr 2010 bereits um mehr als ein Drittel kleiner geworden. Dennoch ist das Ziel hochgesteckt, wie auch Stadtrat Andreas Hauri betont: «Unsere Abschätzungen zeigen, dass das Netto-Null-Ziel für die direkten Treibhausgasemissionen auf Stadtgebiet bis 2040 realistisch, wenn auch ambitioniert ist».

Die auf dem Stadtgebiet verursachten Emissionen entfallen hauptsächlich auf drei Bereiche: Gebäude, Mobilität und Entsorgung. Neben dem Bereich Gebäude, wo vor allem das Heizen mit fossilen Brennstoffen mehr als 50 Prozent des Gesamtausstoss von Treibhausgasen ausmacht, ist die Mobilität ein weiterer Haupttreiber des Klimawandels. Auf beide Bereiche kann die Stadt Einfluss nehmen, ist aber für die Erreichung des Ziels auch massgeblich auf die Mitwirkung der Bevölkerung angewiesen. So braucht es etwa die Bereitschaft von Hausbesitzerinnen und -besitzern, ihre Öl- und Gasheizungen gegen Wärmepumpen oder Erdsonden auszutauschen. Und auch die Entscheidung, das Auto stehen zu lassen und stattdessen Velo zu fahren oder zu Fuss zu gehen, ist eine individuelle.

Zukunftslabor Wiedikon

Hier will Zürich mit dem Projekt «Pilotquartier Netto-Null im Gebiet Binz/Alt-Wiedikon» ansetzen. Für die Stadt ist Wiedikon aufgrund der Mischung aus Wohnraum, Gewerbe- und Industriezone als Quartier ideal. Sie will herausfinden, «mit welchen Massnahmen die freiwillige Bereitschaft lokaler Anspruchsgruppen zu einem verstärkten Engagement für die Zielerreichung von ‘Netto-Null 2040’ und der städtischen Energieziele erhöht werden kann». Damit sollen die Klimaziele bei direkten und indirekten Emissionen sowie der Ausbau der lokalen Elektrizitätsproduktion erreicht werden, wie es im Projektbeschrieb zuhanden des Gemeinderats heisst. Die Wiedikoner Bevölkerung und das Gewerbe sollen Netto-Null vorwärtsbringen, die Stadt unterstützt und fördert private Initiative.

Andreas Hauri präzisiert: «Mit dem Pilotquartier möchten wir einen Ort schaffen, wo verschiedene Prozesse und Massnahmen zur Erreichung des Klimaziels gemeinsam erprobt und auch evaluiert werden können. Sozialverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit sind dabei wichtige Kriterien». Die Stadt Zürich will sich das Projekt rund 7,7 Millionen Franken kosten lassen, verteilt auf sechs Jahre.

Das Geschäft werde aktuell bei der zuständigen Sachkommission des Gemeinderats beraten, sagt Ivo Bähni, Leiter Kommunikation der Gesundheitsdirektion auf Anfrage von Quartiernetz 3. Sofern der Gemeinderat dem Projekt zustimmt, könnten die Arbeiten im neuen Jahr starten. Das Projekt «Pilotquartier Netto-Null» richte sich an alle Personen, Unternehmen und Institutionen im Projektperimeter von Wiedikon. «Der partizipative Ansatz des Projekts bietet Formate und Arbeitsweisen an, die den gleichberechtigten Einbezug aller gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure erlaubt und schliesst dabei explizit Gruppen ein, die keine formelle Möglichkeit der politischen Beteiligung haben, wie Kinder, Jugendliche oder Personen ohne Schweizer Pass», ergänzt Bähni. Die Detailplanung des Partizipationsprozesses werde in einer Projektvorbereitungsphase im Anschluss an den Gemeinderatsbeschluss erarbeitet. Gewonnene Erkenntnisse sollen laufend in neue Projekte sowie auf andere Stadtteile übertragen werden. 

Kritik vor dem Start

Während der Ausgang aktuell noch offen ist, ertönt bereits Kritik am Projekt. Für den Quartierverein Wiedikon ist das Vorhaben der Stadt ein «nebulöses Planungsmonster» und ein «klassisches ‘Top-down’-Projekt, bei dem eine allwissende Projektleitung die rund 9000 Köpfe zählende Anwohnerschaft, Firmen, Betriebe und Hausbesitzer im Projekt-Perimeter in einem sechs Jahre dauernden ‘Partizipationsprozess’ zum Mitmachen gewinnen will». Gegenüber der NZZ klagte Präsident Urs Rauber darüber, dass die Stadt den Quartierverein in der Konzeptionsphase des Projekts aussenvorgelassen habe.

Für ein gross angelegtes, wichtiges Projekt, in dem von Partizipation gesprochen wird, ist das in der Tat ungeschickt. Dennoch sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Der Klimaschutz betrifft alle Menschen und kann nicht an die Verwaltung delegiert werden. Dass die Stadt Mittel und Wege erproben will, die Bevölkerung zur aktiven Mitarbeit zu motivieren, ist mehr als legitim. Dass Wiedikon als «Labor» auserkoren wurde, passt zudem: Mit 80,23% Ja-Anteil wurde das Netto-Null-Vorhaben im vergangenen Oktober hier noch deutlicher als im gesamtstädtischen Schnitt angenommen. Nur im Wahlkreis 4 und 5 stimmten noch mehr Menschen zu. Damit dürfte das Anliegen bei den Wiedikerinnen und Wiedikern auf breiten Rückhalt stossen. Sie dürfen sich freuen, dass die Stadt den politischen Auftrag ernst nimmt und bei Netto-Null vorwärtsmacht. Und sie können mit gutem Beispiel vorangehen und der übrigen Stadtbevölkerung Wege aufzeigen, um das Zürich von morgen umweltverträglich und noch lebenswerter zu machen.